Gedichte Miteinander


Gedichte - Miteinander

Sammlung an Gedichten mit Bezug zum Miteinander für Leserunden und Gedächtniseinheiten.


Aus stillen Fenstern

Wie oft wirst Du gesehn
Aus stillen Fenstern,
Von denen du nichts weißt…
Durch wieviel Menschengeist
Magst du gespenstern,
Nur so im Gehn…

Christian Morgenstern

 

 

Gott grüße dich!
Kein andrer Gruß gleicht dem an Innigkeit,
Gott grüße dich!
Kein andre Gruß paßt so zu aller Zeit.
Gott grüße dich!
Wenn dieser Gruß so recht von Herzen geht,
Gilt bei dem lieben Gott der Gruß
so viel wie ein Gebet.

Julius Karl Reinhold Sturm

 

 

Ein bißchen mehr…

Ein bißchen mehr Friede
und weniger Streit,
ein bißchen mehr Güte
und weniger Neid,
ein bißchen mehr Liebe
und weniger Haß,
ein bißchen mehr Wahrheit,
das wär doch schon was.

Statt soviel Hast
ein bißchen mehr Ruh’.
Statt immer nur ich
ein bißchen mehr Du!
Statt Angst und Hemmungen
ein bißchen mehr Mut
und Kraft zum Handeln,
das wäre gut.

Kein Trübsinn und Dunkel,
mehr Freude und Licht.
Kein quälend Verlangen,
ein froher Verzicht
und viel mehr Blumen
so lange es geht,
nicht erst auf Gräbern,
da blühn sie zu spät!

Peter Rosegger

 

 

Denn der ist König über alle Dinge,
und den berührt der Engel goldne Schwinge,
der seine Blicke so aussenden kann,
daß sie wie die Adler Beute heimwärts tragen,
und dem die Morgenstunden leuchtend sagen:
Du Mensch mit hellen Augen,
nimm uns an!

Otto Julius Bierbaum

 

 

Gehe ich vor dir, dann weiß ich nicht,
ob ich dich auf den richtigen Weg bringe.
Gehst du vor mir, dann weiß ich nicht,
ob du mich auf den richtigen Weg bringst.
Gehe ich neben dir,
werden wir gemeinsam den richtigen Weg finden.

Aus Südafrika

 

 

Meine Seele spürt,
daß wir Tore tasten.
Und sie fragt dich im Rasten:
Hast du mich herbeigeführt?

Und du lächelst darauf
so herrlich und heiter
und: bald wandern wir weiter:
Tore gehen auf....

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Licht um dich her

Segen sei mit dir,
der Segen strahlenden Lichtes,
Licht um dich her
und innen in deinem Herzen.

Sonnenschein leuchte dir
und erwärme dein Herz
bis es zu glühen beginnt
wie ein großes Torffeuer,
und der Fremde tritt näher,
um sich daran zu wärmen.

Aus deinen Augen strahle
gesegnetes Licht
wie zwei Kerzen
in den Fenstern deines Hauses,
die den Wanderer locken,
Schutz zu suchen dort drinnen
vor stürmischer Nacht.

Altirischer Segenswunsch

 

 

 

 

 

Wer die Menschen ehren will,
Muß ein krummes Rückgrat haben;
Wer den Menschen wehren will,
Muß gewalt'ge Fäuste haben;
Wer die Menschen lehren will,
Muß gesunde Lungen haben;
Doch wer sie bekehren will,
Der lasse sich begraben.

Unbekannt

 

 

 


Wie viel verschiedne Weg' in Eine Stadt,
Wie viele frische Ström' in Einen See,
Wie viele Linien in den Mittelpunkt
An einer Sonnenuhr zusammenlaufen:
So, erst im Gang, kann tausendfaches Wirken
Zu Einem Zweck gedeihn, wohl durchgeführt
Und ohne Mangel.

William Shakespeare

 

 

 

 

Ich klopfe an deine Tür,
ich klopfe an dein Herz
um ein gutes Bett,
um ein gutes Feuer –
warum mich zurückstoßen?
Öffne mir Bruder!

Warum mich fragen,
ob ich aus Afrika bin,
ob ich aus Amerika bin,
ob ich aus Asien bin,
ob ich aus Europa bin?
Öffne mir, Bruder!

Warum mich fragen
nach der Länge meiner Nase,
nach der Dicke meiner Lippen,
nach der Farbe meiner Haut,
nach dem Namen meiner Götter?
Öffne mir, Bruder!

Öffne mir deine Tür,
öffne mir dein Herz,
denn ich bin ein Mensch,
der Mensch aller Zeiten,
der Mensch aller Länder,
der Mensch, der dir gleicht!

Aus Kamerun

 

 

 

 

 

1. Endlos sind jene Straßen, die wir gezogen sind;
unzählbar sind die Lieder, gesungen in den Wind.
Und doch ist noch kein Ende und noch ist keine Ruh,
wir müssen weiter ziehen und fragen nicht, wozu.
So, wie die Wolken ziehen, ruhlos am Firmament,
so ziehen Wanderburschen und finden nie ein End.

2. Ruhlos ist unser Leben und rastlos unser Ich.
Wir müssen weiter ziehen. Warum? so fragt ihr mich.
Weil wir die Ferne lieben, es nirgendwo uns hält,
wir müssen weiter ziehen, ruhlos in dieser Welt.
So wie die Ströme fließen, rastloser Wellenschlag,
so ziehen Wanderburschen den fernen Zielen nach.

3. Wo wird die Fahrt einst enden? Ist es am Wegesrain,
ist es auf Bergeshöhen, ist es in Flur und Hain?
Wo werden meine Füße versagen mir den Lauf;
wo hört mein ruhlos Leben, wo hört mein Sehnen auf?
Gleich ist mir jede Stelle, wo ich nur find' mein End,
seh ich nur Wolken ziehen, ruhlos am Firmament.

Henriette Wilhelmine Hanke

 

 

 

Dein Bruder ist so gut wie du!

Dein Bruder ist so gut wie du,
auch er sucht seiner Seele Ruh'
auch er hat seine Sündenlast
so gut wie du deine hast.

Dein Bruder hat verborg'nes Weh
in eigenen Gethsemane,
dort weint er oft und seufzt dazu
und ringt und fleht so wie auch du.

Und ob er etwas anders ist
in seiner Art als du es bist,
das läßt doch nicht das Urteil zu,
daß er nicht ist so gut wie du!

Und ist er manchmal kreuz und quer,
bist du nicht auch so arg wie er?
Drum liebe ihn und laß es zu,
dein Bruder ist so gut wie du!

Unbekannt

 

 

Dich,
dich sein lassen

Sehen wie du bist,
in deine Augen schauen,
deine Sehnsucht sehen.
Das Ruhige
Das Liebe,
Das Wilde,
Das Leise.
Das Ängstliche
Das Starke

Dich,
dich sein lassen

Hören was du sagt,
fühlen was du fühlst
sehen was du siehst.

Dich,
dich sein lassen.

Alles lieben, was du mir gibst,
alles geben, was du brauchst.
Und doch nichts nehmen, was du nicht hast

und doch
Dich,
dich sein lassen.

Unbekannt

 

 


Lach mich doch mal an!
Ich bin doch noch so klein.
Ich bin doch so ein scheuer Wicht
und trau mich selber nicht.
Ich wünsche mir so lange schon,
daß du mir einmal sagst:
„Ich habe heute Zeit für dich,
drum komm doch, wenn du magst!“

Unbekannt

 

 

 

Wenn du jemandem begegnest,
so erinnere dich daran,
daß es eine heilige Begegnung ist.
Wie du ihn siehst,
wirst du dich selber sehen.
Wie du ihn behandelst,
wirst du dich selbst behandeln.
Wie du über ihn denkst,
wirst du über dich selbst denken.
Vergiß dies nie,
denn in ihm
wirst du dich selbst finden
oder verlieren…

Unbekannt

 

 

 

Selbst ratlos sein –
und doch viele beraten können
Selbst gebrochen sein –
und doch vielen Halt geben
Selbst Angst haben –
und doch Vertrauen ausstrahlen
Das alles ist Menschsein -
ist wirkliches Leben.

Unbekannt

 

 

 

 

Möge Gott das Wasser in deinem Brunnen
nie versiegen lassen,
Möge Gott die Milch deiner Kuh
nie versiegen lassen,
Möge Gott die Quellen der Wohltaten,
die du anderen erweist,
nie versiegen lassen.

Altirischer Segenswunsch

 

 

 

 

 

Es war nur ein sonniges Lächeln.
Es war nur ein freundliches Wort.
Doch scheuchte es lastende Wolken
und schwere Gedanken fort.

Es war nur ein warmes Grüßen,
der tröstende Druck einer Hand.
Doch schien's wie die leuchtende Brücke,
die Himmel und Erde verband.

Ein Lächeln kann Schmerzen lindern.
Ein Wort kann von Sorgen befrei'n,
ein Händedruck Sünde verhindern
und Liebe und Glauben erneur'n.

Es kostet dich wenig, zu geben;
Wort, Lächeln und helfende Hand.
doch arm und kalt ist das Leben,
wenn keiner solch Trösten empfand...

Monika Adele Elisabeth Hunnius

 

 

 

Es kann ja nicht immer so bleiben
Hier unter dem wechselnden Mond;
Es blüht eine Zeit und verwelket,
Was mit uns die Erde bewohnt.

Es haben viel fröhliche Menschen
Lang vor uns gelebt und gelacht;
Den Ruhenden unter dem Rasen
Sei fröhlich der Becher gebracht!

Es werden viel fröhliche Menschen
Lang nach uns des Lebens sich freun,
Uns Ruhenden unter dem Rasen
Den Becher der Fröhlickeit weihn.

Wir sitzen so traulich beisammen
Und haben einander so lieb
Erheitern einander das Leben.
Ach, wenn es doch immer so blieb!

Doch weil es nicht immer so bleibet,
So haltet die Freundschaft recht fest;
Wer weiß denn, wie bald uns zerstreuet
Das Schicksal nach Ost und nach West.

Und sind wir auch fern voneinander,
So bleiben die Herzen doch nah;
Und alle, ja alle wird's freuen,
Wenn einem was Gutes geschah.

Und kommen wir wieder zusammen
Auf wechselnder Lebensbahn,
So knüpfen ans fröhliche Ende
Den fröhlichen Anfang wir an.

August von Kotzebue

 

 

 

Auf dem Wege

Viel Zeitgenossen treibt die Welt
Mit dir empor auf dem großen Feld.
Es schwillt aufs neue stets ihr Saft
Und setzt sich um in lebendige Kraft;
In Ringen und Haschen mit Haupt und Hand,
In Lieben und Hassen, in Herz und Verstand,
Es treibt und drängt sich ab und zu,
Und teil am Wege nimmst auch du;
Tust mit, was jeder um dich tut,
Verlangst dein Recht, erwirbst dein Gut.
Es kennen dich viele von Haar und Gesicht,
Von Wuchs und Stimme, Beruf und Pflicht.
Du wirst geachtet, wirst geehrt,
Es halten dich manche besonders wert.
Doch selbst in der nächsten Freunde Verein
Im Innersten bist du allein.
Du teilst mit ihnen Leid und Lust,
Doch nicht das Eigenste deiner Brust.
Dein letztes, dein eigenstes Angesicht,
Dein heimliches Selbst, sie kennen es nicht.
Vielleicht erschräken sie, es zu sehn,
Gewißlich würden sie's nicht verstehn.
Du bist ein Traum am lichten Tag,
Den keiner mit dir zu fühlen vermag.
Im vollsten Sonnenglanze fällt
Dein Schatten nur ins Aug der Welt.
Und erst da drunten im Schattenreich,
Da bist du allen für immer gleich.
Und was geheim gewesen du,
Die Erde deckt's verschwiegen zu.

Wilhelm Jensen

 

 

 

 

Leben lassen, um zu leben,
gelten lassen, um zu gelten;
nicht, was dir nicht ansteht, schelten,
weil es andern ansteht eben;
diese Lehre laß dir geben;
eine bessere gab man selten.

Friedrich Rückert

 

 

 

Bedenk's

Sag morgens mir ein gutes Wort
bevor du gehst vom Hause fort.
Es kann so viel am Tag gescheh'n,
wer weiß, ob wir uns wiedersehn.
Sag lieb ein Wort zur guten Nacht,
wer weiß, ob man noch früh erwacht.
Das Leben ist so schnell vorbei,
und dann ist es nicht einerlei,
was du zuletzt zu mir gesagt,
was du zuletzt mich hast gefragt.

Drum laß ein gutes Wort das letzte sein,
bedenk, das letzte könnt's für immer sein!

Unbekannt

 

 

 

 

 

Zwar mit seinem losen Mund
neigt er zur Krakeele.
Dabei ist er doch im Grund
einer treue Seele.
Die er seine Freunde nennt,
dulden seine Witze,
denn ein jeder, der ihn kennt,
kennt auch seine Mütze.

Wilhelm Busch

 

 

 

 

Was klopft ans Tor so selbstgemäß,
als gält's sich zum Quartal zu melden
und will als deine Mietschaft gelten,
es nennt sich ich und du und es,
drum laß sie ein, wenn sie erschienen,
und sei dreieinig nun mit ihnen.

Heinrich Schäff

 

 

 

Was soll dies kindliche Verzagen,
dies eitle Wünschen ohne Halt?
Da du der Welt nicht kannst entsagen,
erobre sie dir mit Gewalt!

Und könntest du dich auch entfernen,
es triebe Sehnsucht dich zurück;
denn hör', die Menschen lieben lernen,
es ist das einzig wahre Glück.

August Graf von Platen Hallermund

 

 

Auf Gegenseitigkeit

Wir leben in einer praktischen Zeit,
Und alles treibt sich gewerblich,
Vermittels Gegenseitigkeit
Wird jeder Lump unsterblich.

Drum wenn du meinem Stern vertraust,
So wollen wir uns vereinen,
Und wenn du meinen Diener verhaust,
So hau ich dir den deinen.

Wofern du recht emsig darüberstreichst,
So ähnelt dem Golde das Messing;
Und wenn du mich mit Goethe vergleichst,
Vergleich ich dich mit Lessing.

Heinrich Leuthold

 

 

 

Für Mary

Gibst du dich keinem – ? Bist du nur blond und kühl?
Demütigt dich ein starkes, heißes Gefühl?
Wir sind allein. –

Jeder ist so vom andern durch Weiten getrennt,
daß er nicht weiß, wo es lodert und flammt und brennt –
Wir sind allein. –

Selten nur springt ein Funke von Blut zu Blut,
bringt zur Entfaltung, was sonst in der Stille ruht –
Wir sind allein. –

Aber einmal – kann es auch anders sein –
Einmal gib dich, – und, siehst du, dann wird aus zwein:
Wir beide –
Und keiner ist mehr allein. –

Kurt Tucholsky

 

 

 

 

Die Menschen sehen wie sie sind –
Dazu gehört ein scharfer Blick,
Die Menschen nehmen wie sie sind –
Dazu gehört ein eig'ner Schick,
Und sie verstehen wie sie sind –
Ist schwer – nicht Jeder hat es weg;
Sie aber lieben wie sie sind –
Braucht's nur das Herz am rechten Fleck.

Verfasser unbekannt

 

 

Allen Bruder sein!
Allen helfen, dienen!
Ist, seit Er erschienen,
Ziel allein!

Auch dem Bösewicht,
Der uns widerstrebet!
Er auch ward gewebet
Einst aus Licht.

"Liebt das Böse – gut!"
Lehren tiefe Seelen.
Lernt am Hassen stählen –
Liebesmut!

Brüder – hört das Wort!
Daß es Wahrheit werde –
Und dereinst die Erde
Gottes Ort!

Christian Morgenstern

 

 

Wer seinen Brüdern nützt, bleibt unvergessen,
Grab einen Quell aus dürrem Wüstensand,
Pflanz einen Baum in ödes Heideland,
Auf daß ein Wandrer, der nach vielen Jahren
An deinem Born sich labt und Früchte bricht,
Von deinem Baume froh dich segnend spricht:
Ein guter Mensch ist dieses Wegs gefahren.

Friedrich Wilhelm Weber

 

 

Zum Menschen fühl ich
Unverbesserlich mich hingezogen;
Belogen und betrogen oft –
Was tut's!
Denn was ich liebe,
Steht über dem, was einer ist.

Christian Morgenstern

 

 

Wem fremdes Leiden nie den Sinn getrübt,
Wer nur sich selbst versteht, sich selber liebt
Und stets will einsam seine Straße fahren, –
Der mag sich wohl vor manchem Weh bewahren.

Und doch – nicht gut ist's um sein Glück bestellt.
Nur wer als Mensch dem Menschen sich gesellt,
Für and're schaffen, ringen kann und – beben, –
Nur der hat Teil am vollen, ganzen Leben.

Verfasser unbekannt

 

 

 

 

Mitmenschen

Das sind die mitleidlosen Steine,
die Tag und Nacht dein Ich zerreiben;
willst du dein ganzer Eigner bleiben,
so flieh die liebende Gemeine.

Und bricht einmal dein volles Herz
und spricht von einer Überwindung: –
»Oh!« ruft des Nächsten kleiner Schmerz,
»bei Gott, ich kenne die Empfindung!«

Daß er so wenig weiß und kann,
das ist es, was den Edlen schmerzt,
indes der eitle Dutzendmann
zu jedem Urteil sich beherzt.

Christian Morgenstern

 

 

Was kann die Freude machen,
Die Einsamkeit verhehlt?
Das gibt ein doppelt Lachen,
Was Freunden wird erzählt.

Der kann sein Leid vergessen,
Der es von Herzen sagt;
Den wird der Gram zerfressen,
Der insgeheim sich nagt.

Simon Dach

 

 

Das unheimliche Wesen

In mannigfaltiger Gestalt
Treibt heimtückisch sein Wesen
Ein Ungetüm, von dem im Brehm
Und Häckel nichts zu lesen.

Ganz harmlos ist es äußerlich,
Obwohl es reich an Mängeln;
Mit ihm verglichen ähneln selbst
die Raubtiere noch Engeln.

Oft scheint es zahm – doch trau ihm nicht!
Denn – heuchelt es auch Treue,
Urplötzlich wieder überfällt
Es grundlos dich aufs neue.

Es freut sich, wenn dir was mißlingt,
Und hat Erfolg dein Streben,
Dann knurrt es, brächte gern dich
Um jedes Glück im Leben;

Und gönnt dir nichts auf weiter Welt,
Nicht Ehre und nicht Habe –
Verfolgt geheim mit seinem Haß
Dich bis zu deinem Grabe.

Ja, selbst bei deinem Nekrolog
Wird oft sein Neid noch rege.
Das unheimliche Wesen heißt –
Recht treuherzig: Kollege.

Maximilian Bern

 

 

Unbequem

Ernst und dringend folgt mir eine
Mahnung nach auf Schritt und Tritt:
Sorge nicht nur für das Deine,
Sondern für das andre mit.

Demnach soll ich unterlassen,
Was mir von Natur genehm,
Um das Gute zu erfassen?
Ei, das ist mal unbequem.

Wilhelm Busch

 

 

 

Die Welt ist so leer,
wenn man nur Berge sieht,
Flüsse und Städte darin denkt,
aber hie und da jemand zu wissen,
der mit uns übereinstimmt,
mit dem wir auch stillschweigend fortleben:
das macht uns diesen Erdenrund
erst zu einem bewohnten Garten.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

Ich kann's, ich kann's nicht mehr ertragen,
Dies artige geleckte Sagen,
Dies kluge Reden, süße Blicken –
Dies Lachen, Rufen, Köpfenicken.
Dies Wörter- und Gedankenschniegeln,
Dies eitle Sich-im-Nachbar-Spiegeln,
Dies ganze falsche hohle Treiben –
Nein, laßt uns bei uns selber bleiben.

Christian Morgenstern

 

 

Nach all den Nächten, die voll Sternen hingen

Nach all den Nächten, die voll Sternen hingen,
nun diese dumpfe, trübe, nasse Nacht,
als wär die Arbeit aller Zeit vollbracht
und niemals wieder Hoffnung auf Gelingen.

Wohin die Schritte weisen, da das Ziel
ertrank im nebeligen Grau der Wege?
Ich such nur noch, wo ich mich niederlege,
den stillen Platz. Verloren ist das Spiel.

Ich höre vieler Menschen Schritte tasten –
verirrte Menschen, einsam, müd und arm –
und keiner weiß, wie wohl ihm wär und warm,
wenn wir einander bei den Händen faßten.

Erich Mühsam

 

 

 

 

Zwei Brüder

Ein Lump und ein Heiliger fanden einand'
Beim Betteln und Hungern und Wandern.
Sie standen und blickten, der eine erstaunt
In die leuchtenden Augen des andern.

"Warum ich froh in?" so rief der Lump
Und reckte und streckte die Glieder,
Und fluchte und suchte, ob in der Näh'
Nicht irgendwo Schürz' oder Mieder.

"Warum? Sie können mich stecken ins Loch,
Mir spucken ins Gesicht,
Mich verklagen, mich schlagen, mich begraben in Schimpf:
Mir was antun können sie nicht!"

Der Heilige starrte den Fremden an
Und nickte geheimnisvoll.
"Bist du der Heilige, ich der Schelm?
Weiß nicht, was ich glauben soll.

Sie können mich martern tausendfach,
Mir blenden das Augenlicht,
Mich töten, mich brennen, mich begraben in Schimpf;
Mir was antun können sie nicht!"

Der Lump und er Heilige gingen dahin,
Getrennte Wege zu fahren.
Sie schieden und grüßten und wußten nicht,
Daß sie eigentlich Brüder waren.

Fritz Mauthner

 

 

 

Wie machen wir uns gegenseitig das Leben leichter?

Wir haben zu großen Respekt vor dem,
Was menschlich über uns himmelt.
Wir sind zu feig oder sind zu bequem,
Zu schauen, was unter uns wimmelt.

Wir trauen zu wenig dem Nebenuns.
Wir träumen zu wenig im Wachen.
Und könnten so leicht das Leben uns
Einander leichter machen.

Wir dürften viel egoistischer sein
Aus tierisch frommem Gemüte. –
In dem pompösesten Leichenstein
Liegt soviel dauernde Güte.

Ich habe nicht die geringst Lust,
Dies Thema weiter zu breiten.
Wir tragen alle in unsrer Brust
Lösung und Schwierigkeiten.

Joachim Ringelnatz

 

 

 

Es gehört nicht viel dazu
Einander glücklich zu machen:
Ein bißchen Liebe nur
Und ein befreiendes Lachen
Und die Klugheit, zu wissen,
Daß wir lauter Bettler sind,
Die von Pfennigen leben müssen,
Die man am Weg gewinnt.

A. de Nora

 

 

Lebensregel

Will eine Meinung dich gewinnen,
Und fällt die Wahl, wie öfter, schwer,
So frag, willst du dich recht besinnen,
Nur nach dem Was, dem Wie, dem Wer.

Das Was? es gälte wohl das Meiste,
Doch rein zu lösen ist es nie,
Zumal bei aufgeregtem Geiste;
Dann geh du weiter auf das Wie?

Durch welche Mittel sich behaupte
Die Meinung auf dem Weg zum Ziel?
Und sind es schlechte, unerlaubte,
So hast du schon gewonnen viel.

Doch oft verschafft sich auch das Rechte
Nur durch Gewalt den schweren Sieg;
Man ist nicht wählig im Gefechte,
Denk' nur als Beispiel an den Krieg.

Dann bleibt das Wer? als letzte Frage,
Als Leitstern zur Entscheidung dir;
Wer deiner Meinung Fahne trage,
Und wer sich schaare unter ihr?

Sind's Menschen, die du sonst wohl meidest,
Dienstbar dem Wahn, dem Trug, dem Lohn, –
Indem du von den Schlechten scheidest,
Hast du dich auch entschieden schon.

Franz Grillparzer

 

 

Die letzte Schönheit ist das Neigen
Von Mensch zu Mensch und jeder spricht:
Die Einsamkeit und sagt das Seine
Und hört dem andern zu in Schweigen
Und Staunen und bewahrt in Reine
Die Ahnung wie ein erstes Licht: –
Die Ahnung, daß wir uns verstehen,
Und nicht mehr einsam weitergehen.

Alfred Karl Röttger

 

 

Eine schöne Legende

Das war ein lieber Engelsgesang,
Das war eine herrliche Kunde,
Die jugendlich jauchzend einstens erklang
Und wogte von Mund zu Munde!

Mit flammendem Atem hat sie erzählt,
Daß alle Menschen auf Erden
In ewiger Liebe einander vermählt,
Einander Helfer werden!

So wollte ein Gott, der auf Erden gewallt,
Dem Völker küßten die Füße,
So lehrte eines Heroen Gestalt,
Von himmlischer Milde und Süße.

Aus seinen Augen im Sterben erhellt,
Wie aus verlöschenden Sonnen,
Ergoß sich über die weite Welt
Des Mitleids unendlicher Bronnen!

 

Und wie er's gewollt und wie er's gedacht,
So ist es bis heute geblieben,
Und unversiegbar rings entfacht
Der Menschen selbstloses Lieben!

Sie wandeln auf seiner großen Spur
Und reichen sich rettend die Hände,
Und leben wie Brüder und Brüder – nur
– Eine schöne Legende.

Emil Claar

 

 

 

 

Begegnis.

Und als ich gegen den Marktplatz kam,
Beim Torweg unter dem Rathaus,
Da strömten die Menschen kreuz und quer,
Zweibeinig ein jeder und gradaus.

Sie waren gar wohl in Kleider gehüllt,
So Kinder wie Männer und Weiber,
Sie zogen mit schwerem, eiligem Schritt,
Aufrecht balancierend die Leiber.

Fremd zogen sie aneinander vorbei
Mit großen begegnenden Blicken
Und geschlossenem Mund, ein jeder für sich,
Ein jeder mit seinen Geschicken.

Ein jeder mit einem sehnenden Drang
Nach fernen Häusern und Türen,
Ein jeder fortgezogen wie blind
An unsichtbaren Schnüren.

Ein jeder beladen mit Erdenweh,
Ob auch sein Mund mal lache –
Ein jeder hinwandelnd in dunklem Traum
Und verstrickt in den Wahn, daß er wache.

Ludwig Scharf

 

 

 

Zueinander

 

Noch einmal »Wir«

 

Vom Glück zu schaffen weiß so manches Herz.
Uns aber bleibt vom Schaffen nur das Quälen,
ich muß, du darfst nicht; das ist unser Schmerz
und jeder will des andern Schmerzen wählen.

Und du hast nicht, was ich entbehren mag.
Was meine Seele sucht, wirfst du beiseite,
und meine Nacht, das ist dein hellster Tag,
und meine Nähe deine trübste Weite.

Walter Calé

 

 

Begegnung

So viele schöne Pfirsiche sind,
In die niemand beißt.

Die Gier kann auch ein verschämtes Kind
Sein. Was du nicht weißt.
Ohne Lüge kann ich mancherlei
Dir sagen, klänge dir wie Gold.
Doch zeigte ich mein Wahrstes ganz frei,
Wärest du mir nicht mehr hold.

Mädchen, versäume dich nicht
Und hüte dich vor List!
Ich aber träume dich,
Wie du gar nicht bist.

Joachim Ringelnatz

 

 

 

 

Wo ich nahe, wo ich lande

Wo ich nahe, wo ich lande,
Da im Schatten, dort im Sande
Werden sie sich zu mir setzen,
Und ich werde sie ergetzen,
Binden mit dem Schattenbande!

An den Dingen, die sie kennen,
Lehr ich sie Geheimes nennen,
Auf und Nieder ihrer Glieder
Und den Lauf der Sterne wieder,
Kaum vermögen sie's zu trennen!

Denn ich spreche: »Große Macht
Lenkt den Tag, versenkt die Nacht,
Doch in Euch versenkt sind gleiche
Sehr geheimnisvolle Reiche,
Ruhig wie in einen Schacht.«

Dass sie mit verhaltnem Grauen
An sich selber niederschauen,
Von Geheimnis ganz durchwoben
Fühlen sich emporgehoben
Und den Himmel dunkler blauen!

Hugo von Hofmannsthal

 

 


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